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Der SPIEGEL über die Iranische Holocaust-Serie

Verschwörer als Betörer

Quelle:  SPIEGEL ONLINE

Von Mohammad Reza Kazemi
10. September 2007, 17:12

Irans Präsident Ahmadinedschad ist als Holocaust-Leugner berüchtigt. Um so erstaunlicher ist eine iranische Fernsehserie, die eine objektive Sicht auf die Judenverfolgung zu vermitteln scheint - und dafür von westlichen Zeitungen gelobt wird. Doch der Schein trügt.

Eine hausgemachte Fernsehserie über die Judenverfolgung zieht jeden Montagabend Millionen Menschen in Iran vor die Bildschirme. Die Handlung von "Breite: Null Grad": Habib, ein junger Iraner, kommt mit zwei Freunden kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Paris, um Philosophie zu studieren. Er verliebt sich in seine jüdische Kommilitonin Sara. Bald besetzen die Nazis die französische Hauptstadt und beginnen, Juden in die Konzentrationslager zu deportieren. Das Leben von Sara und ihrer Familie ist in akuter Gefahr. Habib tritt als Retter auf: Er beschafft ihnen iranische Pässe, so daß sie nach Teheran fliehen können.

Das Thema trifft in Iran einen Nerv: Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat den Holocaust als "Mythos" bezeichnet, der Quotenhit "Breite: Null Grad" dagegen, der seit vier Monaten auf dem ersten Kanal des staatlichen Fernsehens der Islamischen Republik läuft, zeigt das Gegenteil - so scheint es zumindest.

Und so sieht es auch die junge französische Schauspielerin Nathalie Matti, die in den insgesamt 30 Folgen die Sara darstellt. "Es gibt Dialoge, die eindeutig auf die Ermordung von Juden durch die Nazis hinweisen", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Außerdem werden Sara und ihre Familie im Film positiv dargestellt." Viele Iraner teilen diese Ansicht und sind über die scheinbar offene Opposition des ansonsten loyalen Fernsehkanals verblüfft.

Vermeintlicher Tabubruch mit Folgen

"Das iranische Fernsehen scheint die Kontrolle über seine eigenen Produktionen zu verlieren", meint etwa ein iranischer Student, der sich einige Folgen der Serie angeschaut hat. Die Serie sei für ihn aber auch in anderer Hinsicht ein echter Tabubruch: "Rendezvous mit blonden Pariserinnen, Nachtclubs, tanzende und besoffene Iraner" - das sei alles andere als normal im iranischen Fernsehen. Dazu kommen das Thema Liebe und ein Briefwechsel zwischen einer verheirateten Frau und einem Polizeioffizier sowie ein Hauch von Feminismus, was für mehr Kontrast und Attraktivität der Serie sorgt.

Aber auch technisch rangiert die Produktion weit über dem iranischen Durchschnitt. Sogar das US-Blatt "Wall Street Journal" lobte vergangene Woche die "kostspieligste" iranische Fernsehserie: Der Film sei ein Versuch der Regierung in Teheran, das Bild der Juden im Inland zu verbessern.

Handelt es sich also um eine Art verdeckte TV-Diplomatie, weil alle anderen Kanäle zwischen Teheran und Washington derzeit blockiert sind?

Die Interpretation des "Wall Street Journals" greift viel zu kurz. Um das zu erkennen, muß man allerdings wissen, daß sich hinter der exotischen Fassade des Quotenhits eine unter Holocaust-Leugnern weitverbreitete These verbirgt.

Danach hätten jüdische Zionisten mit Adolf Hitler kollaboriert, um ihren Wunsch nach der Gründung eines jüdischen Staats zu verwirklichen. Dabei hätten sie sogar viele Gleichgesinnte kaltblütig ermordet, vor allem diejenigen, die sich gegen die politischen Ambitionen der zionistischen Bewegung gestellt hätten. Und tatsächlich: Dieser Aspekt wird in "Breite: Null Grad" immer wieder hervorgehoben - viel stärker als die Judenvernichtung durch die Nazis.

So wird bereits vor seiner Abreise nach Frankreich das Leben des Hauptprotagonisten Habib in Teheran geschildert, unter anderem im Zusammenhang mit einem Mordfall. Ein iranischer Rabbiner, der der Emigration der Juden nach Palästina kritisch gegenübersteht, wird getötet - von Zionisten. Auch der Onkel der jüdischen Studentin Sara erlebt das gleiche Schicksal. Der plumpe Plot: Der pensionierte Geschichtsprofessor ist in Besitz von Dokumenten, die die geheimen Verbindungen zwischen dem jüdischen Weltverband und den Nationalsozialisten dokumentieren.

Antisemiten, wie sie im Buche stehen

Aus Sicht des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad ist der Holocaust die Gründungssäule des israelischen Staates. Den Holocaust anzuzweifeln heißt deshalb für ihn, die Existenz Israels in Frage zu stellen. Die TV-Serie "Breite: Null Grad" dient nun ebenfalls diesem Zweck - allerdings auf geschicktere Art und Weise, als es bisherige Machwerke taten.

Die Meinungen des iranischen Staatschefs seien keinesfalls der Anlaß für die Produktion des Films gewesen, beteuert der Regisseur und Drehbuchautor Hassan Fatthi. Schließlich sei das Projekt bereits vor fünf Jahren, also lange vor dem Amtsantritt Ahmadinedschads, gestartet worden.

Doch diese Argumentation hat einen Haken: Zwar war Ahmadinedschad damals tatsächlich noch nicht an der Macht. Die Thesen der Holocaust-Leugner waren jedoch durch Personen wie den französischen Autoren Roger Garaudy auch in Iran längst bekannt - und populär. Ein Buch des Antisemiten Garaudy taucht sogar im Abspann der Serie auf - als "historische Quelle". Es kommt noch dicker: Als "historischer Berater" des Regisseurs Fatthi fungiert Abdollah Shahbazi, ein entschiedener Holocaust-Leugner, wie die Beiträge in seinem Weblog www.shahbazi.org beweisen.

Auch Fatthi macht aus seinem revisionistischen Geschichtsverständnis keinen Hehl. "Die historischen Beweise zeigen, daß die Mehrheit der Nazi-Opfer diejenigen Juden waren, die gegen die Okkupation von Palästina waren", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Dennoch will Fatthi seine TV-Serie als "Dienst für das Völkerverständnis" verstanden wissen.

"Mit dem Film wollte ich einen Beitrag zum Dialog zwischen den Religionen und Kulturen leisten", sagt er.

Man mag sich fragen, wie ein Dialog zwischen Kulturen und Religionen mit rechtsextremem Gedankengut möglich sein soll. Dumm nur, daß "Breite: Null Grad" zum Teil mitten in Europa, in Frankreich sowie Ungarn und unter aktiver Teilnahme von europäischen Schauspielern gedreht worden ist. Eine Tatsache, die den iranischen Regisseur um so selbstbewußter an sein Projekt glauben läßt.



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